Du kannst bei jedem Begriff nach dem ersten Absatz aufhören. Die folgenden Absätze ergänzen ein Alltagsbeispiel und die fachliche Grenze.
Forschung
Exekutive Funktionen
Kurz gesagt: Das sind die Steuerungsleistungen, mit denen wir Wissen in Handeln übersetzen: anfangen, einen Plan im Kopf behalten, Wichtiges auswählen, Impulse bremsen und nach einer Unterbrechung wieder einsteigen.
Im Alltag: Du weißt genau, dass die Rechnung bezahlt werden muss, und hast trotzdem keinen verlässlichen Zugriff auf den ersten Schritt. Das ist etwas anderes als fehlendes Wissen oder mangelnde Intelligenz.
Fachlich wichtig: Exekutive Schwierigkeiten sind bei ADHS häufig, aber nicht spezifisch. Schlafmangel, Depression, Angst, Schmerzen, Stress und andere Erkrankungen können dieselben Funktionen beeinträchtigen. Tests im ruhigen Untersuchungsraum und der Alltag können außerdem unterschiedlich ausfallen.
Forschung + Alltagswort
Zeitwahrnehmung und „Zeitblindheit“
Kurz gesagt: „Zeitblindheit“ beschreibt das Gefühl, Zeit nicht verlässlich vorauszuspüren oder ihren Verlauf erst spät zu bemerken.
Im Alltag: Zwanzig Minuten können großzügig wirken – oder beinahe unbemerkt verschwinden. Ein später Termin bleibt abstrakt, bis er plötzlich unmittelbar bevorsteht.
Fachlich wichtig: Studien finden bei ADHS im Mittel Unterschiede in Zeitwahrnehmung und Zeitmanagement. Dahinter können mehrere Prozesse stehen, etwa Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit und die Bewertung späterer Folgen. Nicht jede Fehleinschätzung und nicht jede Verspätung ist deshalb ein ADHS-Zeichen.
Forschung
Hyperfokus
Kurz gesagt: Hyperfokus meint eine sehr tiefe Vertiefung, bei der anderes zeitweise kaum noch ins Bewusstsein gelangt.
Im Alltag: An einem interessanten Problem arbeitest du stundenlang konzentriert und findest vielleicht ungewöhnlich gute Lösungen. Gleichzeitig kann der Wechsel zum Essen, Schlafen oder zu einer vereinbarten Aufgabe schwer werden.
Fachlich wichtig: Hyperfokus widerspricht ADHS nicht, weil ADHS nicht einfach „zu wenig Aufmerksamkeit“ bedeutet, sondern auch ihre Steuerung betrifft. Das Phänomen kommt aber ebenfalls ohne ADHS vor, ist kein Diagnosekriterium und wird in Studien noch unterschiedlich definiert.
Erklärungsmodell
Monotropismus
Kurz gesagt: Das Modell beschreibt Aufmerksamkeit als begrenzte Ressource, die sich besonders stark auf wenige Themen oder Verarbeitungskanäle bündelt.
Im Alltag: Tiefe Spezialisierung und ein sehr genauer Zusammenhangsblick können entstehen. Gleichzeitig kostet es möglicherweise viel, den Aufmerksamkeitskanal spontan zu wechseln oder mehrere Anforderungen nebeneinander offenzuhalten.
Fachlich wichtig: Monotropismus ist eine vor allem von autistischen Perspektiven geprägte Theorie und kann Forschung neu rahmen. Er ist aber weder ein Diagnoseverfahren noch als alleinige Erklärung des Autismus bewiesen.
Populärer Begriff
RSD – Rejection Sensitive Dysphoria
Kurz gesagt: RSD soll den heftigen inneren Schmerz beschreiben, den tatsächliche oder vermutete Kritik, Ablehnung oder Ausgrenzung auslösen kann.
Im Alltag: Aus einer knappen Rückmeldung wird im eigenen Erleben sehr schnell: „Ich habe versagt“ oder „Ich bin nicht gut genug.“ Die Reaktion kann schon da sein, bevor Tonfall, Zusammenhang und Absicht vollständig sortiert wurden.
Fachlich wichtig: Das Erleben verdient Beachtung, RSD ist jedoch keine eigenständige Diagnose und kein offizielles ADHS- oder Autismusmerkmal. Präziser sind Fragen nach Zurückweisungssensitivität, Emotionsregulation, bisherigen Beziehungserfahrungen, Angst, Depression oder Trauma. So bleibt offen, was bei der einzelnen Person tatsächlich dahintersteht.
Forschung
Alexithymie
Kurz gesagt: Alexithymie bedeutet, eigene Gefühle nur schwer zu erkennen, voneinander zu unterscheiden oder in Worte zu fassen.
Im Alltag: Du bemerkst vielleicht Druck im Brustkorb, Unruhe oder Erschöpfung, weißt aber erst spät, ob du wütend, ängstlich, enttäuscht oder überlastet bist.
Fachlich wichtig: Alexithymie kommt in autistischen Stichproben häufiger vor, aber keineswegs bei allen autistischen Menschen. Sie bedeutet weder Gefühllosigkeit noch fehlende Empathie und ist kein Kernkriterium von Autismus.
Forschung
Interozeption
Kurz gesagt: Interozeption ist die Verarbeitung innerer Körpersignale – etwa Hunger, Durst, Herzschlag, Schmerz, Harndrang oder Anspannung.
Im Alltag: Ein Signal kann spät, sehr stark oder schwer deutbar bewusst werden. Dann wird Hunger vielleicht erst erkannt, wenn Konzentration und Stimmung bereits kippen.
Fachlich wichtig: Interozeption besteht aus mehreren Fähigkeiten: ein Signal wahrnehmen, es richtig deuten und der eigenen Wahrnehmung angemessen vertrauen. Die Forschung bei Autismus ist je nach Messmethode uneinheitlich; eine aktuelle Meta-Analyse fand bei objektiver kardialer Genauigkeit Erwachsener keinen eindeutigen Gruppenunterschied. Pauschale Sätze wie „Autistische Menschen spüren ihren Körper nicht“ sind daher falsch.
Offene Einordnung
PDA – starke Anforderungsvermeidung
Kurz gesagt: PDA ist die englische Abkürzung für Pathological Demand Avoidance. Gemeint ist eine sehr starke Reaktion auf Anforderungen – manchmal sogar auf Dinge, die die Person eigentlich selbst tun möchte.
Im Alltag: Aus „Du musst jetzt los“ kann ein unmittelbares Gefühl von Kontrollverlust, Panik, Erstarrung oder heftiger Gegenwehr entstehen. Mehr Druck kann die Situation dann weiter verschärfen.
Fachlich wichtig: Das Verhalten kann real und erheblich belastend sein. PDA ist aber keine anerkannte eigenständige Diagnose; vorhandene Messinstrumente sind uneinheitlich und die Studienlage methodisch schwach. Hilfreicher als vorschnelles Etikettieren ist zunächst die Funktionsfrage: Wirken Angst, Überforderung, Autonomieverlust, Trauma, Exekutivprobleme oder mehrere Faktoren zusammen?
Verkürztes Erklärungsbild
„Dopaminsuche“ oder „Dopaminsucht“
Kurz gesagt: Damit wird oft beschrieben, dass schnelle, neue oder intensive Reize leichter aktivieren als eine wichtige, aber langweilige Aufgabe.
Im Alltag: Gaming, Nikotin, Alkohol, Kaufen, riskante Entscheidungen, Sexualität oder endloses Scrollen können kurzfristig Spannung, Fokus, Beruhigung oder Zugehörigkeit vermitteln. Welche Funktion ein Verhalten hat, ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Fachlich wichtig: ADHS ist kein leerer Dopaminspeicher. Dopamin ist an Motivation, Lernen, Belohnung und Handlungsbereitschaft beteiligt, die Forschung stützt aber keinen einfachen allgemeinen „Dopaminmangel“. Riskantes Verhalten beweist weder ADHS noch automatisch eine Sucht. Entscheidend sind Kontrollverlust, Folgen und ob Aufhören trotz Schäden kaum gelingt.
Kommunikationsmodell
Löffeltheorie und Energiereserven
Kurz gesagt: „Löffel“ stehen bildlich für die begrenzte Energie, die an einem Tag verfügbar ist.
Im Alltag: Ein einstündiger Termin kostet vielleicht zusätzlich Vorbereitung, Anfahrt, soziale Konzentration und Erholung. Ein freies Feld im Kalender bedeutet deshalb nicht automatisch, dass noch Energie verfügbar ist.
Fachlich wichtig: Die Löffeltheorie ist keine medizinische Messung. Sie kann aber Unsichtbares besprechbar machen. Für eine genauere Beobachtung lohnt es sich zusätzlich zu notieren, welche Art von Belastung Energie verbraucht und wodurch sie sich tatsächlich erholt.