Lange ging es vor allem darum, was Menschen mit ADHS oder Autismus schwerfällt. Jetzt werben Unternehmen um ihre besonderen Fähigkeiten. Macht uns eine andere Art zu denken im KI-Zeitalter plötzlich überlegen?
Vielleicht kennst du das: Im Gespräch bist du gedanklich schon bei der nächsten Verbindung, während dein Gegenüber noch eine Erklärung braucht. Das kann sich anfühlen, als wärst du mehrere Schritte voraus. Aber heißt das auch, dass du mehr gleichzeitig verarbeiten kannst? Oder seid ihr gerade auf unterschiedlichen Wegen unterwegs?
Warum Unternehmen plötzlich anders auf Neurodivergenz schauen
Palantir-Chef Alex Karp sieht beruflich besonders gute Chancen für Menschen mit handwerklicher Ausbildung oder Neurodivergenz. [1] Palantir wirbt mit einem eigenen Bewerbungsprogramm um neurodivergente Talente. Die Ausschreibung hebt Mustererkennung, nichtlineares Denken und intensive Konzentration hervor. [2]
Eine ähnliche Hoffnung beschreibt Hiren Shukla, Gründer des Neurodiversitätsprogramms von EY: Unterschiedliche Denkweisen könnten dabei helfen, neue Einsatzmöglichkeiten für KI zu finden. Microsoft-Führungskraft Kim Akers schildert wiederum, wie KI ihr mit ADHS, Dyslexie und Dysgrafie das Schreiben und Organisieren erleichtert. Das sind zwei verschiedene Chancen: neue Ideen entwickeln und vorhandene Fähigkeiten leichter einsetzen können. [3]
Mit Neurodiversität ist die Vielfalt menschlicher Denk- und Wahrnehmungsweisen gemeint, einschließlich neurotypischer Menschen. Neurodivergenz beschreibt Abweichungen von den vorherrschenden Mustern. Die folgenden Studien befassen sich vor allem mit ADHS; die Unternehmensbeispiele beziehen weitere Formen von Neurodivergenz ein.
„Ich habe viel mehr Gedanken gleichzeitig.“
Viele Einfälle, schnelle Gedankenwechsel und paralleles Bearbeiten sind unterschiedliche Vorgänge. Um sie zu untersuchen, erfasst Forschung unter anderem die Zahl und Art der Ideen, Fehler bei Aufgabenwechseln und das Behalten von Informationen.
Viel im Kopf – drei unterschiedliche Fragen
01 · Einfälle
Was kommt mir in den Sinn?
Verbindungen, Möglichkeiten, Erinnerungen, neue Fragen.
Wie viele Ideen entstehen?
02 · Auswählen
Wobei bleibe ich?
Eine Richtung verfolgen und andere Einfälle vorerst zurückstellen.
Kann ich meine Aufmerksamkeit steuern?
03 · Umsetzen
Was bekomme ich hin?
Schritte im Blick behalten, Fehler erkennen und etwas abschließen.
Wie gut gelingt die Aufgabe?
Ideen entwickeln, auswählen und umsetzen: Jeder Schritt verlangt etwas anderes.
Du kannst bei einer Aufgabe ungewöhnlich schnell Zusammenhänge erkennen und bei einer anderen den Faden verlieren. Die Anforderungen unterscheiden sich: Verbindungen finden verlangt etwas anderes, als mehrere Arbeitsschritte im Kopf zu behalten.
Was ist über ADHS und diese Fähigkeiten bekannt?
Kreativität · Übersicht über 31 Studien
Kreativität: verschiedene Lösungen entwickeln
Hoogman und Kolleginnen und Kollegen fanden 2020 Hinweise auf stärkeres divergentes Denken: zu einer Frage verschiedene Möglichkeiten entwickeln. Dieser Zusammenhang zeigte sich vor allem bei Menschen mit erhöhten ADHS-Merkmalen ohne klinische Diagnose, nicht konsistent bei diagnostizierter ADHS. Für das Finden einer einzigen passenden Lösung ergab sich kein allgemeiner Vorteil. [4]
Arbeitsgedächtnis · Metaanalyse
Arbeitsgedächtnis: Informationen behalten und mit ihnen arbeiten
Das Arbeitsgedächtnis hält Informationen kurz verfügbar, während wir mit ihnen arbeiten – etwa mehrere Bedingungen einer Aufgabe. Eine Metaanalyse von 2013 fand bei Erwachsenen mit ADHS im Durchschnitt Schwierigkeiten in sprachlichen und räumlich-visuellen Arbeitsgedächtnisaufgaben. [5]
Multitasking · Experimentelle Einzelstudie
Multitasking: Aufgaben im Wechsel bearbeiten
Eine Studie von Gawrilow und ihrem Team fand 2011 in der untersuchten Multitasking-Aufgabe keine beeinträchtigte Leistung bei Erwachsenen mit ADHS. Hier wurde die Leistung in einer festgelegten Aufgabe untersucht. Für den Arbeitsalltag ist deshalb interessant, wie Aufgaben aufgebaut sind und wie die Wechsel organisiert werden. [6]
Aktuelle Bestandsaufnahme · Stärkenforschung
Erfahrungen und Leistungstests beantworten verschiedene Fragen
Eine neuere Übersicht zu Stärken bei Erwachsenen mit ADHS erfasst sehr unterschiedliche Studien, auch persönliche Berichte und unveröffentlichte Arbeiten. Sie kartiert das Forschungsfeld, bewertet aber nicht systematisch die Qualität jeder Untersuchung und berechnet keinen gemeinsamen Leistungsvorteil. Sie zeigt, welche Fähigkeiten bisher untersucht oder von Teilnehmenden als Stärke beschrieben wurden. [7]
Unterm Strich: Es gibt Forschung zu Kreativität, Arbeitsgedächtnis und Multitasking. Daraus ergibt sich kein Beleg dafür, dass Menschen mit ADHS neurotypischen Menschen insgesamt geistig überlegen sind. Die Ergebnisse unterscheiden sich je nach untersuchter Fähigkeit und Aufgabe.
Wenn andere dir nicht folgen können
Vielleicht hast du tatsächlich gerade einen Zusammenhang früher erkannt. Vielleicht fehlen deinem Gegenüber aber auch Informationen, die für dich selbstverständlich sind. Oder du hast gedanklich Zwischenschritte gemacht, die du nicht ausgesprochen hast. Mit einer Rückfrage könnt ihr herausfinden, welcher Zwischenschritt noch fehlt.
Statt „Die anderen können nicht so schnell denken“ könnte eine genauere Beschreibung sein: „Ich springe gerade zwischen mehreren Zusammenhängen. Ich erkläre kurz, wie ich darauf komme.“ So kann dein Gegenüber an deinem Gedankengang anknüpfen.
Wenn du magst, könntest du zuerst dein Ergebnis nennen und dann zwei oder drei Zwischenschritte erklären. Oder fragen: „Fehlt dir gerade ein Schritt, oder siehst du einen Fehler in meinem Gedanken?“ Eine Skizze kann ebenfalls helfen.
Die Frage nach einem Gefühl der Überlegenheit ist eine andere als die nach Leistung. Die hier vorgestellten Studien untersuchen Kreativität, Arbeitsgedächtnis und Aufgabenbearbeitung.
Wo KI wirklich interessant wird
Die spannendere Frage ist vielleicht nicht: „Wer denkt besser?“ Sondern: „Welche Arbeit kostet mich unnötig viel Kraft – und könnte Unterstützung dort etwas verändern?“
In einer Befragung von EY und Microsoft unter mehr als 300 Copilot-Nutzenden mit Behinderung und/oder Neurodivergenz berichteten 87 Prozent von geringerem geistigem Aufwand bei bestimmten Aufgaben. Die Befragung erfasste die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmenden mit dem Werkzeug. [8]
Von vielen Gedanken zu einem bearbeitbaren Schritt
Du sammelst
Ideen und Fragen dürfen zunächst ungeordnet stehen.
KI hilft beim Ordnen
Ähnliche Punkte bündeln, offene Fragen trennen, einen Entwurf erstellen.
Du entscheidest
Was stimmt? Was ist wichtig? Was möchtest du als Nächstes tun?
Die KI liefert einen Vorschlag. Fachwissen, Prioritäten und die Entscheidung bleiben bei dir.
Ein Auftrag, den du ausprobieren könntest
„Hier sind meine ungeordneten Gedanken. Fasse zusammen, was mein eigentliches Ziel ist. Trenne notwendige Schritte von zusätzlichen Ideen. Schlage mir einen kleinen Anfang vor. Erfinde keine fehlenden Angaben, sondern markiere offene Fragen.“
Vielleicht hilft dir das beim Einstieg. Wenn daraus nur eine längere Liste wird, könntest du ergänzen: „Bitte keine weiteren Ideen. Ich brauche nur den nächsten konkreten Schritt.“
Für deinen Alltag sind konkrete Veränderungen interessant: Kommst du leichter ins Tun? Musst du weniger im Kopf behalten? Kostet die Aufgabe weniger Kraft? Auch die Zeit zum Prüfen und Korrigieren gehört dazu. Bei beruflichen Aufgaben kannst du mit anonymisierten Beispielen arbeiten oder die dafür freigegebenen Systeme deines Arbeitgebers nutzen.
Stärken würdigen, ohne die nächste Erwartung aufzubauen
„Superkraft“ kann ein wohltuendes Gegenwort sein, wenn du jahrelang nur gehört hast, was mit dir nicht stimmt. Schwierig wird es, wenn daraus eine Erwartung an alle wird: besonders kreativ, außergewöhnlich produktiv oder der Konkurrenz immer voraus zu sein.
Für eine passende Arbeitsaufteilung zählen Fähigkeiten, Aufwand und Erholung zusammen. Neben dem Ergebnis ist wichtig, ob nach der Arbeit noch Kraft für den Alltag bleibt.
KI-Unterstützung und ein passender Arbeitsplatz können sich ergänzen. Während die Software beim Formulieren hilft, schaffen ruhige Arbeitsphasen und klare Prioritäten Raum für die eigentliche Aufgabe. Ob eingesparte Zeit zur Entlastung führt, hängt auch davon ab, wie die Arbeitsmenge vereinbart wird.
Die Chance: mehr Menschen können ihre Fähigkeiten einsetzen, wenn Werkzeuge, Aufgaben und Arbeitsbedingungen zusammenpassen.
Wenn du genauer nachlesen möchtest: Hier findest du die Veröffentlichungen hinter den Aussagen. Unternehmensberichte und wissenschaftliche Untersuchungen sind jeweils gekennzeichnet.